Mein allererstes Gipfelkreuz

„Warum tue ich das? Warum nur?!“ murmele ich schnaufend vor mich hin. Der Tau hängt noch in der frühen Luft, während die Sonne durch die Blätter bricht. Es riecht frisch, vielsprechend.
Ich bleibe stehen und stemme meine Hände in die Hüften. Ich halte inne.
„Ich kann nicht mehr.“, jammere ich. „Warte doch mal.“

Er bleibt ebenfalls stehen. Schaut mich fragend an. Geduldig. Wieso ist er noch gar nicht aus der Puste? Warum tue ich das nur? Er grinst mich an, dreht seinen Kopf langsam nach rechts und gibt mir mit einem Nicken Bescheid seinem Blick zu flogen. Ich stöhne. ‚Mach ich dann halt‘, denke ich.

Plötzlich vergesse ich meine schmerzende Lunge und meine schweren Beine. Wie klein die Menschen nur sind. Wie klein die Probleme. Unbedeutend. Vergänglich. Wie mächtig die Natur. Über Millionen von Jahren zu einem wahren Meisterwerk geformt. Beständig. Wir schauen uns an. Ich lächle. Dieses Lächeln, das breite Grinsen, das sich langsam auf meinem Gesicht ausbreitet und sagt: „Du hast ja recht. Ich kann nachvollziehen warum.“

„Gehen wir weiter“, sage ich. Auch er lächelt mich jetzt an. „Sicher, bist du fit?“
„Nein, bin ich nicht.“ Er runzelt die Stirn. „Aber ich bin bereit mich weiter zu quälen. Bis zum Gipfel. Mit Schweiß und Blut wenn es sein muss“, antworte ich trotzig und wir lachen.
Dann gehe ich weiter. Schritt für Schritt, Stein für Stein, Meter für Meter
Mein Atem wird wieder schwerer, die Luft dünner, die Bäume weniger, die Aussicht besser und besser. Ich halte noch ein paar mal inne. Um zu staunen und auszuruhen. Er wartet. Gibt mir Wasser.
„Ich schaffe das schon.“
„Weiß ich.“
Wir kämpfen uns weiter den Berg hoch. Schweiß rinnt meine Stirn hinunter und kitzelt meine Nase. Ich bleibe jetzt nicht mehr stehen, obwohl die Lungen brennen.

Ihn sehe ich schon nicht mehr, denn er ist ganz in seinem Element. Über das Wunder des Berges vergisst er. Vergisst alles um sich herum und spürt nur das Adrenalin. Ich schaffe es auch so. Gepackt von seiner Euphorie. Getrieben von Ehrgeiz.
Die letzten quälenden Meter und ich bin da. Nur noch über die Kuppe. Da steht er schon. Der Rucksack neben ihm, das T-Shirt ganz nass vom Schwitzen. Seine Brust bebend vom schweren Atmen.
Ich bin. Oben.
Hoch.
Höher.
Gipfelkreuz.
Geschafft.
Stolz erfüllt mich.
Ich weiß jetzt endgültig was er meint. Ich verstehe es.
„Mein erstes Gipfelkreuz“, jubele ich ihm zu. Er lacht nur und kommt auf mich zu. Dieses unglaubliche Gefühl über allem zu sein, den Schweinehund überwunden, den Gipfel erklommen zu haben. Ganz oben an der Spitze zum Himmel, müde und glücklich am Gipfelkreuz.
„Dieser Ausblick…“, staune ich nur.

Ich klappe das Buch auf. Das Gästebuch des Gipfels, denn: Ich war hier.
Magdalena Wittmann. Juni 2017.
Wir suchen uns einen Platz im Schatten, ruhen uns aus mit Brotzeit, die noch nie so gut schmeckte.

LOCATION : Gratlspitz, Tirol / Österreich
I’M WEARING: Shirt / Brandy Melville; Leggins / H&M

Stay tuned, Maggy.

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2 Kommentare

  1. Claudia Hauner
    Juli 28, 2017 / 6:17 pm

    Tolle Aussicht und eine Wahnsinns – Leistung! Respekt!

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